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Mobilitätsbranche: Coronakrise zwingt Reise-Start-ups zum Umdenken

Sep 23, 2020

Berlin, Düsseldorf Im ersten Moment traf die Coronakrise Christian Gaiser und sein Start-up namens Cosi genauso drastisch wie klassische Hotels. Cosi vermietet Unterkünfte an Geschäftsreisende und Touristen, bei denen sie per Code Zimmer etwa in Berlin, Prag oder Wien beziehen und elektronisch wieder auschecken können. Eigentlich eine perfekte Art der Unterbringung in Pandemie-Zeiten. Doch während der Lockdowns war Reisen fast unmöglich. Gaisers Zimmer blieben leer. So wie Cosi erging es vielen Start-ups im Reisebereich. Die erste Corona-Welle, die im März über Europa hereinbrach, hat nahezu die gesamte Reise- und Mobilitätsbranche lahmgelegt. Statt Buchungen gingen bei Cosi und beim Appartement-Vermittler Airbnb  vor allem Stornierungen ein. E-Scooter-Vermieter wie Bird oder Lime stellten den Verleih von Elektrotretrollern kurzerhand komplett ein, weil die Menschen wochenlang zu Hause ausharren mussten. Und Fahrdienstleister wie Uber oder Lyft wurden aufgrund des Infektionsrisikos von den Kunden gemieden. Es war ein jäher Schock für eine Start-up-Segment, das in den vergangenen Jahren bei Investoren so beliebt war wie kaum ein anderes. Das zeigt eine Auswertung des „ Lufthansa Innovation Hub“, der zentralen Digitalisierungseinheit der Lufthansa Group, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Im Rekordjahr 2018 floss demnach fast ein Fünftel aller Wagniskapitalinvestitionen weltweit in den Reise- und Mobilitätssektor. Mit Getyourguide, Flix Mobility und Omio profitierten auch einige der wertvollsten deutschen Start-ups von diesem Trend. Doch nun steht der ganze Sektor vor einer massiven Umwälzung. Lufthansa-Studienautor Lennart Dobravsky geht davon aus, dass Corona den Markt nachhaltig verändern wird. „Entwicklungen, die wir in Prognosen erst ab 2025 oder 2030 vorausgesagt haben, treten bereits jetzt ein“, sagt er. Bei Geschäftsreisen beispielsweise wurde bereits vor Corona ein langfristiger Rückgang erwartet. Nun ist dieser Bereich schlagartig eingebrochen, und eine Rückkehr zum Vorkrisenniveau wird es laut Dobravsky zufolge womöglich nicht mehr geben. Die Folge: Die alten Geschäftsmodelle vieler Unternehmen sind hinfällig. Auch die jungen Firmen müssen sich neu erfinden. Und schon jetzt ist klar: Vor allem die erst vor Kurzem gegründeten Start-ups stehen unter großem Druck. Nur wer eine gute Strategie hat und schnell auf den beschleunigten Strukturwandel der Reise- und Mobilitätsbranche reagiert, hat eine Überlebenschance - und kann im besten Fall sogar gestärkt aus der Krise kommen. Reife Start-ups haben keine Finanzierungsprobleme Diese Schlussfolgerung legt auch die Studie des Innovation-Hubs der Lufthansa nahe. Demnach können die etablierteren Start-ups selbst in der Krise unverändert Geld einsammeln. Die Anzahl der sogenannten Early-Stage-Finanzierungen hingegen, auf die sehr junge Start-ups angewiesen sind, nimmt seit Februar kontinuierlich ab. Von Anfang März bis einschließlich Juni ist eine solche Frühphasenfinanzierung nur 38 Reise- und Mobilitäts-Start-ups gelungen. In den zwölf Monaten zuvor waren es im Schnitt 22 pro Monat, also mehr als doppelt so viele. Mobilitätsexperte Kersten Heineke, Partner bei der Unternehmensberatung McKinsey-Partner, ist ebenfalls davon überzeugt, dass Investoren insbesondere im Mobilitätsbereich selektiver vorgehen werden. „Sie suchen nach Start-ups mit Technologien, die neue Mobilitätsangebote ermöglichen, und sie investieren in Unternehmen mit den größten Marktanteilen.“ Christoph Schuh, Partner beim Wagniskapitalfinanzierer Lakestar, investiert in Firmen in der Early-Stage- und Wachstumsphase und erklärt: „Eine erste größere Finanzierungsrunde erfolgt in der Regel auf Basis eines Proof of Concept, wenn sich also gezeigt hat, dass ein Produkt erste Marktakzeptanz in Form einer belastbaren Kundenzahl nachweisen kann.“ Diesen Machbarkeitsnachweis hätten viele Gründer unter Corona-Bedingungen nicht erbringen können. Reifere Start-ups hätten dagegen keine Finanzierungsprobleme , weil sie wie die Lakestar-Portfoliofirmen Getyourguide, Omio und Hometogo schon vorher gezeigt hätten, dass sie etablierte Reise- und Unterkunftsvermittler verdrängen können. Auch Cosi-Gründer Gaiser versucht, sein Start-up zu einem dieser „Krisengewinner“ zu formen. Mitten in der akuten Pandemiezeit passte er sein Geschäftsmodell an die neue Situation an. Er stellte von Tages- auf Mittelfristvermietung um und sprach neue Zielgruppen an. Statt Geschäftsreisende und Touristen zogen Jobwechsler bei ihm ein, Studierende, die aus Wohngemeinschaften flüchteten, Menschen, die ältere Angehörige im eigenen Haushalt schützen wollten. Bei Cosi gibt es weder Lobbys noch Frühstücksbüfetts mit Infektionsrisiko. „Wir hatten auch in der Corona-Hochphase 90 Prozent Auslastung“, sagt Gaiser. Der Gründer ist davon überzeugt, dass junge Unternehmen wie Cosi gegenüber dem traditionellen Hotelgewerbe im Vorteil sind. 90 Prozent der Hotels in Deutschland seien in privater Hand, sagt Gaiser. Sie hätten schon vor Corona in einem personalintensiven Geschäft unter wahnsinnigem Kostendruck gestanden. „Wir ersetzen beispielsweise Rezeptionisten durch Technologie, können dadurch günstigere Preise anbieten und mehr Nachfrage auf uns ziehen“, sagt Gaiser. „Selbst wenn der Reisemarkt insgesamt schrumpft, bleibt für uns ein gigantisches Potenzial zu wachsen“, ist er überzeugt. „Wenn wir jetzt Marktanteile gewinnen und sich die Situation dann wieder stabilisiert, profitieren wir umso mehr.“ Gaiser glaubt, dass traditionelle Hotels weder das Kapital noch das Personal hätten, um innerhalb kürzester Zeit auf ein technologiegetriebenes Modell wie Cosi umzustellen. Studien zufolge seien bis zu 30 Prozent der Betriebe insolvenzgefährdet. Ride-Hailing-Dienste stehen unter Druck Nicht alle Start-ups konnten ihr Geschäftsmodell so schnell umbauen. Zu den größten Verlierern in Deutschland gehören laut der Innovation-Hub-Studie vor allem Ride-Hailing-Dienste wie Uber, bei denen Fahrten per App geordert werden. Es ist ausgerechnet jenes Untersegment, in das Wagniskapitalgeber seit 2010 mit 67,5 Milliarden Dollar mit Abstand am meisten investiert haben. Mitte August wurden die Apps der Fahrdienste hierzulande um 58 Prozent weniger genutzt als in der entsprechenden Vorjahreswoche. Während der Pandemie sind Menschen weniger unterwegs – und wenn, dann wollen sie nicht zu Fremden ins Auto steigen. Experten sehen in den Zahlen mehr als nur eine temporäre Krise. Geschäftsmodelle und Investmenthypothesen würden in der Coronakrise einem „Realitätscheck“ unterzogen, sagt Hendrik Brandis, Partner beim Risikokapitalgeber Earlybird. Das Uber-Modell sei „durch die Decke gelobt worden“. Jetzt aber stelle sich die Frage: „Wie attraktiv ist Uber, solange ich noch Fahrer brauche?“ Die Betriebskosten lassen sich nur durch stark steigende Nutzung oder eben durch autonome Fahrzeuge senken. Deren Marktreife ist jedoch nicht absehbar. Zudem wird der Markteintritt in Deutschland politisch erschwert. Studienautor Dobravsky: „Die Taxi-Substitute haben sich hier noch nicht so durchgesetzt wie in anderen Ländern – nicht zuletzt auch der Regulatorik geschuldet. Aber selbst in den USA sehen wir die Perspektiven mittlerweile durchaus kritisch.“

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